
Was transgenerationale Prägungen bedeuten, und was wir aus Lisas Geschichte lernen können
„Ich verstehe einfach nicht, warum ausgerechnet ich.“
Diesen Satz habe ich in meiner langjährigen Tätigkeit als Heilpraktikerin unzählige Male gehört. Menschen, die sich gesund ernähren. Die sich bewegen. Die Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Menschen, die bereits viele Ärzte aufgesucht, Therapien ausprobiert und zahlreiche Untersuchungen hinter sich haben. Und trotzdem bleiben manche Beschwerden bestehen oder kehren immer wieder zurück.
Natürlich gibt es viele Erkrankungen, für die die Medizin eine eindeutige Ursache kennt. Das möchte ich gar nicht infrage stellen. Doch es gibt auch Situationen, in denen trotz moderner Diagnostik keine schlüssige Erklärung gefunden wird. Genau dann beginnen viele Menschen zu spüren, dass möglicherweise noch etwas anderes hinter ihren Beschwerden steckt.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du hast vieles getan, was dir empfohlen wurde. Trotzdem bleibt die Frage: Warum gerade ich?
Diese Frage führte mich im Laufe meiner langjährigen Tätigkeit immer wieder zu einem Bereich, der in der klassischen Medizin meist nur eine Rolle hinsichtlich der Krankheiten spielt: der Familiengeschichte.
Eine Begegnung, die mich bis heute bewegt
Als Lisa zum ersten Mal meine Praxis betrat, war sie 29 Jahre alt. Auf den ersten Blick wirkte sie wie eine lebensfrohe junge Frau. Freundlich, offen und voller Hoffnung. Doch hinter ihrem Lächeln verbarg sich eine schwere Erkrankung.
Ihre Leber war schwer geschädigt.
Das Besondere daran war, dass die Ärzte trotz umfangreicher Untersuchungen keine eindeutige Ursache finden konnten. Es gab keine langjährige Alkoholerkrankung. Keine Hepatitis. Keine Erklärung, die das Ausmaß ihrer Erkrankung nachvollziehbar machte.
Für Lisa war das besonders belastend. Nicht nur die Krankheit selbst, sondern auch die ständige Ungewissheit. Warum geschieht das ausgerechnet mir? Und vor allem: Was kann ich sonst noch tun, um wieder gesund zu werden?
Wenn die üblichen Erklärungen nicht mehr ausreichen
In meiner Arbeit habe ich Beschwerden nie ausschließlich als körperliches Geschehen betrachtet. Der Körper ist für mich weit mehr als eine Ansammlung von Organen. Er reagiert auf unser gesamtes Leben: auf Stress, Verluste, ungelöste Konflikte, belastende Erfahrungen und manchmal auch auf Ereignisse, die lange vor unserer eigenen Geburt ihren Ursprung haben.
Deshalb stellte ich häufig Fragen, die zunächst ungewöhnlich wirkten. Ich fragte Lisa: „Kannst du einen Zusammenhang zwischen den Themen Verhungern oder Wut und deiner eigenen oder familiären Geschichte erkennen?“
Warum gerade diese beiden Begriffe? Weil bestimmte Organe häufig mit bestimmten emotionalen Themen in Verbindung stehen. Ich habe diese Zusammenhänge nie als unumstößliche Wahrheit verstanden, sondern als mögliche Hinweise, denen es sich lohnen konnte nachzugehen.
Lisa dachte einen Moment nach.
Dann schüttelte sie den Kopf.
„Nein.“
Mehr fiel ihr dazu nicht ein.
Und genau das ist völlig normal. Denn häufig gibt es Ereignisse, von außen betrachtet, unwichtige Episoden, die wie ein Eisberg, der nur seine Spitze zeigt, enorm große Flächen unter der Oberfläche haben können.
Auf Spurensuche
Wir schauten zunächst auf Lisas eigenes Leben. Gab es Situationen, in denen sie Hunger leiden musste? Gab es massive Wut? Tiefe Kränkungen? Familiäre Konflikte? Schwere Verluste?
Doch nichts erklärte, weshalb eine junge Frau eine derart schwer geschädigte Leber entwickelt hatte. Damit war für mich klar, dass wir als nächstes in der Generationslinie schauen müssen. Eltern, Großeltern, Urgroßeltern. Aus meiner Erfahrung lohnt sich bei schweren Erkrankungen in jungen Jahren häufig der Blick auf Urgroßeltern. Deshalb bat ich Lisa ihre noch lebenden Vorfahren zum Thema Verhungern und Wut zu befragen.
Lisa sprach also mit ihrer Familie, und ich war schon sehr gespannt, was sie zu erzählen hatte. Es tauchte eine Begebenheit auf, die alles in einem anderen Licht erscheinen ließ.
Ihr Urgroßvater war an Speiseröhrenkrebs erkrankt. In den letzten Monaten seines Lebens konnte er kaum noch Nahrung zu sich nehmen. Er verhungerte praktisch. Doch noch bewegender war etwas anderes. Seine Frau, Lisas Urgroßmutter, litt ihr Leben lang darunter, dass auf seinem Totenschein vermerkt war, er sei verhungert.
Für sie war das unerträglich. Sie fühlte sich dadurch beschuldigt. Als hätte sie ihren Mann nicht versorgt. Noch auf dem Totenbett sagte sie zu ihrer Tochter: „Ich habe meinen Mann nicht verhungern lassen. Er ist an Krebs gestorben.“
Für Außenstehende mag das wie ein nebensächlicher Satz wirken. Für mich war er ein Hinweis darauf, wie tief dieses Ereignis die Familie geprägt hatte. Nicht nur der Tod ihres Mannes hatte sie tief getroffen, sondern vor allem auch die Scham und Kränkung, darüber, dass sie verurteilt wurde. Dazu muss man sich auch die damalige Zeit in Erinnerung rufen. Es war mit eine der wichtigsten Aufgaben der Frauen, für die Zubereitung und das Anrichten von Essen zu sorgen. Nun stand da auf dem Totenschein, dass sie das nicht gut genug getan hatte. Sie hatte ihren Mann auf dem Gewissen, weil er verhungert war; laut Totenschein.
Manchmal sind es genau solche emotional hoch belasteten Erlebnisse, die in einer Familie über Jahrzehnte nachwirken. Auch weil niemand mehr darüber spricht.
Können Erfahrungen unserer Vorfahren uns beeinflussen?
Vielleicht fragst du dich jetzt, ob so etwas überhaupt möglich ist. Diese Frage ist verständlich. Kann ein Ereignis, das sich vor vielen Jahrzehnten ereignet hat, das Leben späterer Generationen beeinflussen? Die Vorstellung erscheint zunächst ungewöhnlich. Und doch beschäftigt genau diese Frage inzwischen auch die Wissenschaft. In den vergangenen Jahren haben Forschende untersucht, welche Auswirkungen schwere Traumata auf nachfolgende Generationen haben können. Dabei geht es beispielsweise um Menschen, die Krieg, Flucht, Hungersnöte oder andere existenzielle Bedrohungen erlebt haben.
Heute weiß man, dass solche Erfahrungen Familien oft über Generationen prägen können. Nicht nur durch Erziehung oder Familiengeschichten. Sondern möglicherweise auch durch biologische Veränderungen, die unter dem Begriff Epigenetik erforscht werden.
Die Epigenetik beschäftigt sich mit der Frage, wie Umwelt und Lebenserfahrungen beeinflussen können, welche Gene aktiviert oder abgeschaltet werden. Einige Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass bestimmte Auswirkungen extremer Belastungen auch an nachfolgende Generationen weitergegeben werden können. Viele Zusammenhänge werden jedoch noch intensiv erforscht.
Für mich war diese Entwicklung besonders spannend. Nicht, weil sie meine Arbeitsweise beweisen sollte. Sondern weil sie zeigte, dass die Frage nach dem Einfluss unserer Familiengeschichte längst nicht mehr nur in therapeutischen oder psychologischen Kreisen gestellt wird. Sie ist inzwischen auch Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.
Aus meiner eigenen langjährigen Erfahrung habe ich immer wieder beobachtet, dass sich ein Blick auf die Familiengeschichte lohnen kann, besonders dann, wenn Beschwerden trotz vieler Bemühungen rätselhaft bleiben. Natürlich bedeutet das nicht, dass jede Krankheit ihre Ursache in den Erfahrungen unserer Vorfahren hat. Unser Körper ist komplex. Krankheit und Gesundheit entsteht durch das Zusammenspiel vieler Faktoren.
Doch manchmal eröffnet die Familiengeschichte einen Blickwinkel, der bislang gefehlt hat. Und genau darin liegt ihr Wert.
Was ist der Unterschied zwischen Epigenetik, transgenerationalem Trauma und transgenerationaler Prägung?
Diese Begriffe werden häufig durcheinandergebracht, beschreiben aber unterschiedliche Aspekte.
Epigenetik erforscht biologische Mechanismen, durch die Umwelt und Lebenserfahrungen beeinflussen können, welche Gene aktiv oder inaktiv sind.
Transgenerationale Traumata beschreiben die Weitergabe der Auswirkungen schwerer traumatischer Erfahrungen auf nachfolgende Generationen. Dazu wird heute intensiv geforscht.
Transgenerationale Prägungen verstehe ich als einen weiter gefassten Begriff. Er umfasst nicht nur wissenschaftlich untersuchte biologische Zusammenhänge, sondern auch emotionale Familienmuster, unausgesprochene Loyalitäten, wiederkehrende Schicksale und Erfahrungen, die eine Familie über Generationen hinweg prägen können.
Ob man diese Zusammenhänge eher psychologisch, biologisch oder aus einer ganzheitlichen Perspektive betrachtet, bleibt letztlich jedem selbst überlassen. Entscheidend ist für mich eine andere Frage: Was können wir erkennen, wenn wir beginnen, unsere Familiengeschichte mit neuen Augen zu betrachten?
Was sich bei Lisa veränderte, und was wir daraus lernen können
Nachdem wir die Geschichte ihrer Urgroßeltern verstanden hatten, stellte sich natürlich die nächste Frage: Was bedeutete diese Erkenntnis nun für Lisa? Konnte allein das Wissen um die Geschichte ihrer Familie ihre schwere Lebererkrankung heilen?
Leider nicht. Doch etwas hatte sich verändert: Zum ersten Mal hatte Lisa das Gefühl, dass ihre Erkrankung vielleicht nicht einfach zufällig über sie hereingebrochen war. Zum ersten Mal ergab sich ein Zusammenhang, der für sie nachvollziehbar war. Das nahm ihr die Krankheit nicht, aber es gab ihr etwas zurück, das vielen chronisch kranken Menschen verloren geht: Hoffnung. Die Hoffnung, dass es vielleicht doch noch Möglichkeiten gibt, den eigenen Heilungsweg aktiv mitzugestalten.
Im Laufe der Zeit beschäftigte sich Lisa immer intensiver mit ganzheitlichen Zusammenhängen. Sie setzte sich mit den Themen Bewusstsein, innere Bilder und energetische Heilmethoden auseinander. So hatte sie das Gefühl,, selbst etwas zu ihrem Heilungsprozess beitragen zu können.
Trotz aller Bemühungen verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand jedoch weiter. Schließlich blieb nur noch eine Lebertransplantation. Für Lisa war das einerseits ein großes Geschenk. Gleichzeitig begann damit eine neue Herausforderung.
Nach der Transplantation zeigte sich zunächst, dass sich die neue Leber nicht problemlos in ihren Körper integrierte. Nach ihren Schilderungen bestand die Sorge, dass das Organ abgestoßen werden könnte. Die behandelnden Ärzte fassten eine weitere Transplantation ins Auge. Für Lisa brach erneut eine Welt zusammen. Sie fragte sich, ob sie die Kraft für einen weiteren Eingriff überhaupt noch aufbringen würde.
In dieser schwierigen Situation erinnerte sie sich an das, was sie in den vergangenen Jahren gelernt hatte. Als erstes traf sie die klare Entscheidung, dass sie leben will und diese Leber in ihren Körper integrieren will. Danach begann sie, ihre Aufmerksamkeit bewusst auf ihre neue Leber zu richten. In Gedanken sprach sie mit ihr. Sie hieß sie willkommen. Sie bedankte sich bei dem unbekannten Menschen, dessen Organspende ihr das Leben gerettet hatte.
Sie stellte sich vor, wie ihre anderen Organe die neue Leber freundlich aufnahmen und sie als Teil ihres Körpers akzeptierten. Sie machte mentale Heilreisen und schenkte diesem Organ täglich ihre Aufmerksamkeit, ihre Dankbarkeit und vor allem ihre Liebe.
Ein überraschender Verlauf
Nach ihren eigenen Schilderungen begann sich ihr Zustand bereits kurze Zeit später zu stabilisieren. Die neue Leber gewöhnte sich zunehmend an ihren Körper. Fünf Wochen später konnte Lisa bereits das Krankenhaus verlassen, obwohl man eigentlich damit gerechnet hatte, dass sie nach fünf Wochen erst die Intensivstation verlassen würde.
Auch ihre behandelnden Ärzte waren über ihren guten Verlauf positiv überrascht. Sie benötigte vergleichsweise wenig Medikamente und erholte sich schneller, als ursprünglich erwartet worden war.
Ob ihre innere Arbeit entscheidend zu dieser Entwicklung beigetragen hat, lässt sich wissenschaftlich nicht beantworten. Für Lisa selbst bestand daran jedoch kein Zweifel. Sie war überzeugt, dass ihr die Kombination aus moderner Medizin und ihrer intensiven inneren Arbeit geholfen hatte, diese schnelle Besserung herbeizuführen.
Diese Sichtweise muss nicht jeder teilen. Mich hat ihre Geschichte dennoch tief beeindruckt. Denn sie zeigt etwas, das weit über die Frage hinausgeht, wie Heilung genau entsteht.
Heilung ist oft mehr als die Behandlung eines Organs
Wenn wir schwer erkranken, richtet sich unser Blick verständlicherweise auf das betroffene Organ oder die Symptome. Doch wir Menschen bestehen nicht nur aus Organen. Wir haben Erinnerungen. Gefühle. Beziehungen. Eine Lebensgeschichte.
Und wir sind Teil einer Familiengeschichte, die oft weit vor unserer Geburt beginnt. Ob und in welchem Ausmaß diese Geschichte unsere Gesundheit beeinflusst, lässt sich nicht pauschal beantworten. Doch es lohnt sich fast immer, diese Perspektive mit einzubeziehen. Als Ergänzung, als Möglichkeit, den eigenen Lebensweg besser zu verstehen und ganz bestimmt auch, um jede Möglichkeit die zur Besserung führen könnte zu nutzen.
Was kann das für dich bedeuten?
Vielleicht beschäftigen dich ähnliche Fragen wie bei Lisa damals. Vielleicht leidest du unter Beschwerden, für die es bisher keine schlüssige Erklärung gibt. Vielleicht hast du das Gefühl, dass sich bestimmte Themen oder Schicksale in deiner Familie immer wiederholen. Natürlich bedeutet das nicht automatisch, dass deine Familiengeschichte die Ursache deiner Beschwerden ist, aber vielleicht lohnt es sich, neugierig zu werden.
Welche Geschichten kennst du über deine Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern? Gab es schwere Verluste? Haben sie den Krieg oder Flucht miterlebt. Hungersnöte? Ausgrenzung? Große Schuldgefühle? Oder gibt es Ereignisse, über die bis heute kaum gesprochen wird? Welche Geheimnisse werden gewahrt?
Veränderung beginnt meist nicht mit einer Antwort, sondern mit einer (neuen) Frage oder einer veränderten Wahrnehmung.
Mein persönliches Fazit
In meiner langjährigen Tätigkeit habe ich viele Menschen begleitet. Jeder von ihnen brachte seine eigene Geschichte mit. Und oft stellte sich heraus, dass diese Geschichte nicht erst mit der Geburt begann. Deshalb wünsche ich mir, dass wir Gesundheit künftig noch ganzheitlicher betrachten, und zwar als Ergänzung zur modernen Medizin und Erweiterung unseres Blickwinkels. Denn manchmal finden wir entscheidende Hinweise dort, wo wir bisher noch gar nicht gesucht haben.
Buchempfehlungen
Wenn dich das Thema transgenerationale Traumata interessiert, kann ich dir das Buch „Dieser Schmerz ist nicht meiner“ von Mark Wolynn hier sehr empfehlen. Es vermittelt verständlich, wie Erfahrungen früherer Generationen unser Leben beeinflussen können und welche Erkenntnisse die Forschung dazu heute bereithält. Ebenso, wie die Bücher von Sabine Bode, z.B. „Kriegsenkel“. Hier.
Wenn du darüber hinaus erfahren möchtest, wie ich diese Zusammenhänge in meiner früheren Arbeit erlebt habe, findest du in meinem Buch „Heilung: Krankheiten überwinden durch Transformation der energetischen Ursache“ hier weitere Fallbeispiele und persönliche Erfahrungen aus über 35 Jahren Praxis. Vielleicht eröffnet dir auch dieses Buch einen neuen Blick auf die Frage, wie eng Körper, Psyche und Familiengeschichte miteinander verbunden sein können.