
Wenn heute jemand vor mir sitzt und diesen Satz sagen würde, wäre meine erste Antwort: „Oh, wie gut ich das verstehen kann! “Und das käme aus tiefstem Herzen.
Seit über 35 Jahren begleite ich als Heilpraktikerin Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden und Erkrankungen. Ich habe viele Lebensgeschichten gehört, nach Zusammenhängen gesucht und Menschen dabei unterstützt, neue Wege für sich zu entdecken. Doch inzwischen kenne ich auch die andere Seite. Ich bin selbst an ME/CFS erkrankt, einer chronischen Erkrankung, die mein Leben erheblich verändert hat. In meinem Blogbeitrag, „Was ist ME/CFS“ gehe ich ausführlicher auf das Krankheitsbild ein. Und obwohl ich all meine beruflichen Erfahrungen habe, musste ich vieles noch einmal ganz neu verstehen. Nicht nur mit meinem Wissen, sondern durch mein eigenes Erleben.
Was ich heute aus eigener Erfahrung noch viel besser verstehen kann, ist dieses ständige Wechselbad zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Zwei Schritte vor, drei zurück. Dann wieder drei Schritte vor und einen zurück. Gerade schöpft man neue Hoffnung, weil es einem endlich etwas besser geht, und schon kommt der nächste Rückschlag. Die Hoffnung schwindet, die Verzweiflung macht sich breit und die Lebensfreude geht dabei zeitweise völlig verloren.
Ich weiß heute, wie viel Kraft dieses ständige Auf und Ab kostet. Und ich habe noch etwas am eigenen Leib erfahren: Wie schwer es sein kann, das, was man in einer Therapie besprochen und verstanden hat, im Alltag tatsächlich umzusetzen. Übungen regelmäßig zu machen, die eigenen Gedanken bewusst zu lenken, alte Verhaltensmuster zu verändern und dabei auch noch konsequent auf die eigenen Grenzen zu achten. Selbst wenn man genau weiß, wie wichtig das alles für einen ist.
Und ich weiß heute noch einmal mehr, wie wertvoll es ist, in solchen Zeiten erfahrene und einfühlsame Menschen an seiner Seite zu haben, die einen unterstützen und einem helfen, vor allem dann, wenn man wieder zweifelt oder die Lebensfreude auf dem Tiefpunkt ist.
Die Mauer, die einfach nicht verschwinden wollte
Als ich krank wurde, wollte ich, genau wie jeder andere Betroffene auch, vor allem eines: wieder gesund werden. Ich hatte das Gefühl, vor einer riesigen Mauer zu stehen. Sie war hoch, massiv und versperrte mir die Sicht auf das Leben, das ich führen wollte.Sie war im Laufe meines Lebens irgendwie unbemerkt entstanden. Ich wollte sie umstoßen. Ich lief an ihr entlang, suchte nach Schwachstellen, stemmte mich dagegen und versuchte immer wieder, sie weg zu bekommen.
Doch die Mauer blieb stehen, und je mehr ich mich gegen sie auflehnte, desto deutlicher spürte ich meine Grenzen.
Irgendwann wurde ich ruhiger, weil ich merkte, dass ich auf diese Weise nicht weiterkam. Ich musste erst einmal annehmen, dass diese Mauer jetzt da war, dass ich krank war. Dass mein Körper nicht mehr so funktionierte, wie ich es gewohnt war. Für mich fühlte es sich an, als hätten die Signale meiner Seele mein Bewusstsein nicht mehr erreicht. Mein Körper hatte eine Vollbremsung gemacht, die ich nicht länger übersehen konnte.
Als ich aufgehört hatte, ständig gegen die Mauer anzurennen, begann ich, sie genauer zu betrachten. Und dabei entdeckte ich etwas, das sich vorher noch nicht gezeigt hatte. Ein kleines Loch. Ein paar Steine waren herausgebrochen. Gerade genug, um hindurchzuschauen. Und was ich dahinter sah, war wunderschön.
Eine grüne Landschaft, Blumenwiesen, strahlender Sonnenschein, wohlige Wärme, und ein wunderschöner betörender Duft der in der Luft lag. Ein Ort voller Leben, verborgener Wünsche und Möglichkeiten. Mein Seelengarten.
Meine Aufmerksamkeit war jetzt nicht mehr ausschließlich auf die Mauer gerichtet. Ich konnte wieder sehen, wohin ich ursprünglich wollte. Aber bevor ich weitergehen konnte, musste ich mich mit dieser Mauer beschäftigen. Woraus bestand sie überhaupt? Welche Art von Steinen hatten sich im Laufe meines Lebens dort angesammelt? Und warum?
Nicht jeder Stein ist ein Hindernis
In meiner therapeutischen Arbeit habe ich immer wieder erlebt, wie wichtig es ist, nicht nur auf Krankheitsbilder und Symptome zu schauen, sondern vor allem auf die Lebensgeschichte eines Menschen. Welche Erfahrungen haben uns geprägt? Welche Überzeugungen haben wir übernommen? Welche Verhaltensweisen sind irgendwann selbstverständlich geworden, ohne dass wir sie noch hinterfragen?
Auch ich begann, mir diese Fragen zu stellen. Das tat ich eigentlich schon mein Leben lang, immer wieder. Aber irgendwie war es diesmal anders. Jetzt hatte mich eine ziemlich ätzende Krankheit fest in ihren Klauen, vor allem körperlich, da ich ja die Signale meiner Seele nicht vernommen hatte. Also schaute ich mal wieder zurück in meine Vergangenheit und erkannte nach und nach, wie sehr ich mich über lange Zeit verausgabt hatte. Ich hatte vieles getan, weil ich glaubte, es müsse so sein. Hatte mich auch nochmal wieder in den Schuhen meiner Vorfahren laufen gesehen. Und ich war mit dem Leben mitgerannt, ohne überhaupt zu bemerken, wie weit ich mich dabei von meinen eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Vorstellungen entfernt hatte.
Und ich entdeckte Dinge, die mich überraschten. So war ich beispielsweise immer überzeugt gewesen, meinen Beruf genau so auszuüben, wie es für mich richtig war. Ich liebe es, Menschen auf ihrem Weg zurück in die Gesundheit zu begleiten. Allerdings wurde mir im Rückblick bewusst, dass ich mit einigen wichtigen Aspekten meiner Arbeit längst nicht mehr glücklich gewesen war. Das hatte ich vorher überhaupt nicht bemerkt.
Plötzlich stellte ich fest, dass ich gar keine Lust mehr hatte, weiter Menschen therapeutisch zu begleiten und ich begann an allem zu zweifeln. So viele Steine meiner Mauer habe ich von allen Seiten betrachtet und hinterfragt. Glücklicherweise habe ich mittlerweile die Freude daran, Menschen auf ihrem Weg in Richtung Gesundheit zu begleiten wiedergefunden. Inzwischen geht es mir auch schon wieder wesentlich besser. Allerdings werde ich einiges verändern. Ich werde noch bewusster, freier und auf eine Weise arbeiten, die jetzt wieder zu mir passt.
Diese Erkenntnis kam nicht über Nacht. Ich brauchte Zeit, um meine Erkrankung zu begreifen, mich zu regenerieren und meine bisherigen Lebensmuster zu hinterfragen. Und noch mehr Zeit, um das Erkannte tatsächlich in meinem Bewusstsein und meinem Alltag zu verankern. Dabei wurde mir eines immer bewusster:
Nicht jeder Stein meiner Mauer war grundsätzlich schlecht.
Einige waren ursprünglich aus dem Bedürfnis nach Sicherheit oder Schutz entstanden. Andere standen für Erwartungen und Gewohnheiten, die mir heute nicht mehr guttun. Andere hatten sich von meinen Vorfahren dazwischen gemogelt. Und nicht jeder Stein musste entfernt werden, um wieder meinem ureigenen Pfad zu folgen.
Akzeptanz ist nicht dasselbe wie Aufgeben
Ich halte diese Aussage für besonders wichtig. Wenn wir die Diagnose einer chronischen Krankheit erhalten, möchten wir die Krankheit und ihre Symptome am besten sofort loswerden. Das ist vollkommen verständlich. Ich glaube, dass keine Krankheit zufällig da ist. Und ich erkenne an, dass sie jetzt ein Teil meines Lebens ist.
Sie dadurch anzuerkennen bedeutet nicht, dass wir sie behalten möchten. Und es bedeutet auch nicht, dass wir aufhören, nach Wegen zur Besserung oder Heilung zu suchen. Es bedeutet zunächst, die Wirklichkeit anzunehmen, wie sie im Augenblick ist. Aufhören, zu kämpfen. Ich bin sowieso der Meinung, dass Kampf im Umgang mit einer Erkrankung die falsche Herangehensweise ist.
Erst als ich mich darauf einlassen konnte, die Erkrankung jetzt in meinem Leben zu akzeptieren, konnte ich meine Kräfte bewusster einsetzen und begann genauer hinzuschauen: Was hat auf emotionaler, seelischer und geistiger Ebene zu der Erkrankung geführt? Was brauche ich, damit es mir in meiner jetzigen Situation so gut wie möglich geht? Was will ich verändern und wie kann ich das umsetzen?
Die persönliche Auseinandersetzung mit unserer Lebensgeschichte kann dabei wertvolle Erkenntnisse bringen. Sie ersetzt keine medizinische Behandlung. Allerdings muss der gesamte Mensch in seinem ureigenen Körper-Seele-Geist-System gesehen und behandelt werden. In unserem heutigen Gesundheitssystem vermisse ich häufig den Raum, den es braucht, um einen Menschen auch mit seiner Lebensgeschichte und seinen seelischen Belastungen zu betrachten.
Für mich gehört beides zusammen: meine körperlichen Grenzen ernst zu nehmen und gleichzeitig mein bisheriges Leben neu zu betrachten. Vor allem musste ich lernen, mir dafür Zeit zu geben.
Heute stehe ich im Durchgang
Inzwischen hat sich meine Mauer verändert. Sie ist nicht vollständig verschwunden. Aber dort, wo früher nur dieses winzige Loch war, ist heute ein Durchgang. Rechts und links von mir stehen noch Mauerstücke. Sie reichen mir ungefähr bis zur Taille. Diese Mauerteile gehören weiterhin zu mir. Sie symbolisieren meine Erkrankung, die noch immer da ist. Ich bin nach wie vor eingeschränkt. Ich kann nicht einfach lossprinten und alles sofort tun, worauf ich Lust habe. Ich wäge ab: Was will ich wirklich? Was ist wirklich wichtig gerade? Ich lasse mir Zeit und habe dadurch mehr davon. Ich lebe jetzt viel bewusster.
Ich sehe diese Mauer heute anders. Sie begrenzt mich, ja. Doch in meinem persönlichen Erleben schützt sie mich auch. Sie erinnert mich daran, nicht wieder in meine alten Gewohnheiten zurückzufallen und meine Energie bis zum Letzten zu verbrauchen.
Hinter mir liegen die Giftpflanzen, wie ich sie in meinem inneren Bild nenne. Sie stehen für das, was mir nicht mehr guttut, bzw. nie gut getan hat. Ich weiß, dass sie da sind. Aber ich muss mich nicht mehr ständig mit ihnen beschäftigen, denn mein Blick geht nach vorne. In meinen Seelengarten. Dort strahlt dieses wärmende Licht. Ich höre einen Bach plätschern, sehe Blumen und nehme diesen betörenden Duft wahr. Es gibt gemütliche Sitzplätze, einen kleinen See, Tiere und Menschen.
Und überall auf den Wiesen wachsen Blumen. Jede steht für eine Möglichkeit, die ich wählen kann. Ich kann zu den Menschen gehen. Ich kann mich ans Wasser setzen. Ich kann die Tiere beobachten oder einfach die Stille genießen.
Aber ich muss nichts davon sofort tun. Ich darf erst einmal stehen bleiben, schauen und an den Blumen schnuppern. Welche zieht mich heute an? Welcher Duft tut mir gut? Worauf habe ich wirklich Lust? Das ist für mich eine wunderbare neue Erfahrung.
Ich darf meinen Wegin meinem eigenen Tempo gehen. Und ich allein entscheide, an welcher Blume ich als nächstes schnuppern möchte.
Was ich heute als Heilpraktikerin anders sehe
Meine Erkrankung hat mir nicht plötzlich alles beigebracht, was ich vorher nicht wusste. Vieles davon kannte ich aus meiner langjährigen therapeutischen Arbeit. Ich wusste, wie bedeutsam es sein kann, Lebensgeschichten zu betrachten, unbewusste Muster zu erkennen und Ursachen aufzulösen.
Mittlerweile habe ich selbst erfahren, wie viel Zeit und Geduld ein solcher Prozess brauchen kann. Wie schwer es tatsächlich ist, eine Erkrankung zunächst überhaupt anzunehmen. Wie viel Kraft die Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen kostet. Und wie wertvoll es ist, erfahrene und einfühlsame Therapeuten und gute Freunde an der Seite zu haben. Auch als Heilpraktikerin mit jahrzehntelanger Erfahrung darf ich Unterstützung annehmen; ich muss da nicht alleine durch.
Wenn heute eine Klientin vor mir sitzt und sagt: „Ich will, dass diese Krankheit einfach nur weggeht!“, weiß ich tatsächlich, wovon sie spricht und ich kann diesen verzweifelten Wunsch aus tiefstem Herzen verstehen!
Und dann möchte ich mit ihr gemeinsam schauen, was sie gerade braucht. Welche medizinischen Möglichkeiten gibt es? Was kann ihr im Alltag Erleichterung verschaffen? Welche Belastungen spielen in ihrem Leben eine Rolle? Welche Veränderungen wünscht sie sich?
Und vor allem: Wie sieht ihre Mauer aus, und welche Steine möchte sie überhaupt näher betrachten?
Wie sieht dein Seelengarten aus?
Mein Seelengarten ist meiner. Er ist geprägt von meinen Erfahrungen, meinen Wünschen, meinen Bedürfnissen und meiner Vorstellung von einem erfüllten Leben.
Deiner wird anders aussehen. Denn jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit. Was für mich eine duftende Blumenwiese ist, kann für dich das Meer sein, ein stiller Wald oder ein ganz anderer Ort. Es geht darum, deinen eigenen Garten zu entdecken.
Wenn du mit einer chronischen Erkrankung lebst, lade ich dich ein, einmal ganz in Ruhe auf deine persönliche Mauer zu schauen. Was begrenzt dich heute? Was schützt dich? Welche Steine möchtest du genauer betrachten? Und gibt es bereits eine kleine Öffnung, durch die du etwas von dem erkennen kannst, was dir wichtig ist?
Und selbstverständlich darfst du dir wünschen, wieder gesund zu werden. So, wie ich auch! Dieses Ziel dürfen wir immer vor Augen haben.
Und während du deinen Weg Richtung Gesundheit gehst, darfst du bereits beginnen, deinen eigenen Seelengarten zu entdecken und darin zu verweilen.